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L’ARTISTE, DER KÜNSTLER, THE ARTIST, L’ARTISTA
9. Internationale Frühjahrsakademie des Internationalen Netzwerks Kunstgeschichte

Unter der Federführung des Kunstgeschichtlichen Instituts der Goethe-Universität fand vom 16. bis zum 20. Mai 2011 die 9. Internationale Frühjahrsakademie in Frankfurt statt. Aus acht Ländern kamen 42 Nachwuchswissenschaftler zusammen, um sich über das diesjährige Thema „Der Künstler“ auszutauschen.

Bisher hat die Internationale Frühjahrsakademie Kunstgeschichte in verschiedenen europäischen Städten und in Montréal Themen wie „Der Stil“, „Die Kunst und ihr Publikum“, „Kunst und Technik“, „Kunst und Zivilisation“ und „Das Porträt“ bearbeitet. In diesem Jahr griff sie unter Leitung von Prof. Thomas Kirchner mit dem Thema zum Künstler einen aktuellen Diskurs innerhalb der Kunstgeschichte wie auch der Kunst auf und stieß damit bei den Bewerbern auf ein überwältigendes Interesse. Der chronologische Bogen, den die ausgewählten Beiträge vom späten Mittelalter über die frühe Neuzeit, das 19. Jahrhundert, die klassische Moderne bis hin zur Gegenwart spannten, machte die vielfältigen Interdependenzen zwischen der Rekonstruktion historischer Künstlerkonzepte und den künstlerischen Positionen der Gegenwart deutlich. Nicht nur prägen die aktuellen Debatten innerhalb der zeitgenössischen Kunst kunsthistorische Forschungsinteressen; die Tagung konnte auch zeigen, dass Künstler sich zu allen Zeiten mit den historischen Diskursen über Kunst und Künstler auseinandersetzten, um sich auf vorteilhafte Weise in die Geschichte der Kunst einzuschreiben.

Schon der erste Tag, an dem es um die „Mythen vom Künstler“ und sein „Nachleben“ ging, machte darauf aufmerksam, wie eng verknüpft die überlieferten Künstlerbilder mit der historischen Entwicklung der Disziplin Kunstgeschichte und ihrer akademischen Institutionalisierung sind. Hieraus erklärt sich auch die Vielzahl der Tagungsbeiträge, die sich mit dem Künstler im späten 18. und 19. Jahrhundert beschäftigten. Sich mit den unterschiedlichen historischen Bildern des Künstlers und der sich um ihn rankenden Mythenbildung auseinanderzusetzen, bedeutet deshalb immer auch, sich einen Spiegel vor Augen zu halten und die eigenen methodologischen Prämissen zu hinterfragen. Insbesondere in der Sektion, die sich mit der „Tradierung und Vermittlung von Künstlerbildern“ befasste, wurden Fragen kunsthistorischer Methodologie diskutiert. Bei all der kritischen Dekonstruktion, die in erster Linie von den Referenten der den dritten Tag dominierenden Sektion „Selbstinszenierung und -stilisierung“ geleistet wurde, konnte dann doch die Frage auftauchen, was hinter den Konstruktionen steht und was nach aller historischer Dekonstruktion vom Künstler übrig bleibt.

Und tatsächlich ging es der Akademie nicht nur um Ideologeme, sondern durchaus auch um handfeste soziale und materielle Aspekte des Künstlerdaseins. So wurde der „Künstler als soziales Wesen“ und damit sein mitunter widersprüchliches Verhältnis zur Gesellschaft in den Blick genommen. Sowohl das Ringen der Künstler um Mitspracherecht bei der Zuschreibung ihres sozialen Status als auch ihre Einbindung in die ökonomischen Kreisläufe der Gesellschaft spielten hier eine Rolle. Doch wurde ebenfalls die Frage nach der Künstlerausbildung gestellt. Zudem wurde in einer Sektion eine Vielzahl unterschiedlicher „Konzepte künstlerischer Produktivität“ vorgestellt und danach gefragt, inwiefern die materiellen Aspekte künstlerischen Tuns an kultur- und sozialgeschichtliche Faktoren zurückgebunden sind. Abgeschlossen wurde die Tagung mit einer Sektion zum „Verschwinden des Künstlers als Autor“, die sich u.a. mit kollektiven künstlerischen Praktiken, mit „community art“ und dem Ineinandergreifen von Kunst und Leben befasste.

Nicht nur aufgrund des dichten Tagungsprogramms und der durchweg hohen Qualität der einzelnen Beiträge wurde die 9. Internationale Frühjahrsakademie zu einem großen Erfolg. Ebenso haben die Partnerinstitutionen des Frankfurter Kunstgeschichtlichen Instituts, das MMK – Museum für Moderne Kunst und das Liebieghaus, zum Gelingen des Unternehmens beigetragen, die der Akademie ihre Konferenzräume während zweier Tage zur Verfügung gestellt haben. Hervorzuheben ist der Tagungsbeitrag des stellvertretenden Direktors des MMK, Peter Gorschlüter, der mit seinem Vortrag zum „Künstler als Kurator“ Einblick in die kuratorische Praxis bot und die gegenwärtig virulente Frage nach dem Verhältnis zwischen Kurator und Künstler in eine historische Perspektive rückte. Dies zeigt, wie fruchtbar die durch den neuen MA-Studiengang Curatorial Studies – Theorie – Geschichte – Kritik nun institutionalisierte Zusammenarbeit des Kunstgeschichtlichen Instituts der Goethe-Universität mit den Frankfurter Museen ist. Die äußerst positive Resonanz der Teilnehmenden ist aber auch auf die zwanglose Arbeitsatmosphäre zurückzuführen, in der die Stipendiaten tagungsrelevante Ausschnitte ihrer Forschungstätigkeit vorstellen und miteinander sowie mit den Universitätslehrern des Netzwerks diskutieren konnten. Viele vertiefende Gespräche ergaben sich während der Pausen, während des Empfangs des Kunsthistorischen Instituts zu Beginn der Akademie und der sie abschließenden, bis in die frühen Morgenstunden währenden Semesterfeier, die von der Fachschaft und den Studierenden des Instituts ausgerichtet wurde.

(Iris Wien)