Internationales Netzwerk für Kunstgeschichte

15. Frühjahrsakademie

‚Imagination‘
Genf, 8. bis 12. Mai 2017

Bewerbungsaufruf

Die 15. Frühjahrsakademie des Internationalen Netzwerks für Kunstgeschichte wird vom 8. bis 12. Mai 2017 an der Universität Genf zum Thema „Imagination“ stattfinden. Die Akademie richtet sich an Promovierende und Post-Docs mit unterschiedlichen Perspektiven und Spezialisierungen. Gemeinsam mit weiter fortgeschrittenen Wissenschaftlern ermöglicht sie einen Austausch der Forschungen, der methodischen Ansätze und der Erfahrungen. Die Themen und Programme der vorausgegangenen Frühjahresakademien können auf der Website (www.proartibus.net) eingesehen werden. Die Teilnahme an Frühjahresakademien bildet die Voraussetzung für den Erhalt eines Zeugnisses zur internationalen, kunstgeschichtlichen Ausbildung. Magistranden, Promovierende und Habilitanden werden ermutigt, Themenvorschläge einzureichen, die mit ihrem Forschungsthema, ihrer historische Epoche, ihrem Forschungsfeld und ihrer gewünschte Präsentationsform in engem Bezug stehen.

Thema

Das Verhältnis zwischen Kunst und Imagination ist alt und komplex. Die 15. Frühjahrsakademie befasst sich mit diesem Thema, um die vielfältigen Dimensionen dieses Verhältnisses zu beleuchten. Imagination kann zunächst als die Fähigkeit des Ersinnens, Entwerfens und Entwickelns verstanden werden. Davon ausgehend bezeichnet das Wort Imagination sodann das Resultat dieser Fähigkeit, das sich als etwas «Imaginiertes» oder als etwas «Imaginäres» artikulieren kann. Imagination manifestiert sich auch im Akt des «Sichtbar-machens» und des «Darstellens». In dieser letzteren Bedeutung ist die poïetische Dimension des Begriffs Imagination besonders akzentuiert. Die Diskussionen der Frühjahrsakademie sind dementsprechend einer Wiedererwägung der Begriffe, Funktionen und Artikulationsweisen der Imagination in Architektur und Kunst sämtlicher historischer Epochen gewidmet.

In diesem Zusammenhang ist es aufschlussreich, den etymologischen Hintergrund einzubeziehen: Imagination geht auf das lateinische imago zurück. Insofern eine ursprüngliche Bedeutungsebene des Wortes das Bildnis, und dabei das Ahnenbild (Porträt oder Wachsmaske eines Vorfahren) umfasst, besteht ein Bezug zum lateinischen imitor. Weiter bezeichnet imago auch Vorstellung und Einbildung, Trug- und Traumbild bis hin zum Gleichnis und zum Schattenbild. Damit überschneiden sich die Bedeutungen von imago mit dem semantischen Feld des Wortes imaginatio, das wesentlich – aber nicht ausschliesslich – Bedeutungen wie Phantasie, Vorstellung oder Einbildung umfasst. In diesem begrifflichen Kontext haben lateinische Schriftsteller auch regelmässig Wörter aus dem Griechischen entlehnt und anstelle von imago etwa phantasia (ϕαντασ́ια) oder phantasma (ϕ́αντασμα) verwendet, in denen die deutschsprachige « Fantasie » vorweggenommen ist.

Die «fantastische Dimension» der Imagination bildete für den antiken Philosophen Aristoteles eine dritte Kategorie zwischen Perzeption und Reflexion. Dieses Konzept bleibt bis ins Mittelalter wirkmächtig. Zeugnis davon legen insbesondere die Schriften von Boethius ab, die anfangs des 6. Jh. u. Z. verfasst wurden. In dessen Kommentar zur aristotelischen Lehre vom Satz (Peri hermeneias – De interpretatione) bildet die Imagination das Bindeglied zwischen Sinneswahrnehmung und Verständnis. Dabei bezieht sich der Plural «Imaginationen» (imaginationes) auf das, was eine sensorische Qualität hat und dadurch eine Einsicht (intellectus) bewirkt, die jenseits aller blossen Erfahrungen gedacht ist. Es geschieht von dieser Grundlage her, dass der diskursiv, aber auch bildnerisch entwickelte Imaginationsbegriff des Mittelalters theoretische Reflexionen anregt und das Kunstschaffen befördert. In der Frühen Neuzeit wird Imagination häufig zusammen mit spezifischen theoretischen Konzepten diskutiert, so etwa jener der Erfindung oder der Idee (imaginatio, disegno, inventio). Diese theoretischen Konzepte stehen in einer ausgesprochen wirksamen und vielfältigen Wechselwirkung mit der Kunst und Architektur der Zeit.

Im 16. Jahrhundert hält Giorgio Vasari fest, dass nur Kunstwerke, die auf der Grundlage eines überströmenden Vorstellungsvermögens geschaffen würden, die Imagination des Betrachters herausforderten. Der Autor der Vite war sich des Bezugs zwischen der Vorstellungskraft des Künstlers und jener seines Publikums gänzlich bewusst: Der Wahrnehmungsakt korreliert mit dem Imaginationsprozess. Folglich führten die Eindrücke, die durch besondere Verfahren des Malers hervorgerufen würden, den Betrachter dazu, den Darstellungsgegenstand zu erkennen. Empfindungen, die nach einem empiristischen Verstandesmodell erzeugt und durch die Perzeption von Kunst gelenkt werden, bilden den Übergang zur Gedankenwelt und zur Gegenstandserkennung. Im 17. Jahrhundert konstatiert Roger de Piles, dass sich der Betrachter darin gefällt, das zu erkunden und zu vollenden, was die Imagination dem Maler zuteilwerden lässt – auch wenn dieses eigentlich der Vorstellungskraft des Betrachters entspringt. Joshua Reynolds schreibt im England des 18. Jahrhunderts zum Werk Thomas Gainsboroughs, dass seine «unbestimmte» Malweise eine ausreichende «Gesamtwirkung» aufweise, um den Betrachtern das Referenzobjekt in Erinnerung zu rufen, so dass deren Imagination das Fehlende auf genauere und befriedigendere Weise ergänze als es der Künstler selbst getan hätte.

In der Moderne – und besonders im 20. Jahrhundert – hat die Implikation des Betrachters in das Kunstwerk, die während des gesamten Konzeptions- und Produktionsprozesses vorausgesetzt wird, nicht nur eine grosse Bedeutung, sondern wird zum unvermeidlichen Faktor. Das Gewicht der aktiven Partizipation des Betrachters in der Werkgenese wurde von Umberto Eco im Begriff des offenen Kunstwerks (opera aperta) auf den Punkt gebracht. Zur selben Zeit verschiebt sich der diskursive Fokus von der Imagination, die als Fähigkeit verstanden wird, hin zum etwas unscharfen Begriff des Imaginären (l'imaginaire); das dem Thema gewidmete Buch Jean-Paul Sartres legt davon Zeugnis ab. In dieser Schrift versucht der französische Philosoph, die wichtigen Funktionen des Bewusstseins zu umreißen, die dem Menschen erlauben, eine Welt der Nicht-Realitäten oder: des Imaginären. Wenn letzteres mit den Aktivitäten des Bewusstseins eng verbunden ist, erübrigt sich die Kategorie der Imagination als einer Fähigkeit. Im Bereich der Architektur und des Städtebaus spielt die Imagination ebenfalls eine bedeutende Rolle. Seit der Antike manifestiert sich der Wunsch, eine Welt ohne Modell zu errichten. Zu den bekanntesten Beispielen zählt das himmlische Jerusalem, eine Stadt oder ein Tempel, der in der biblischen Apokalypse erwähnt ist. Dieser spirituelle Ort wird in zahlreichen Schriften und Bildern des Mittelalters und der Neuzeit thematisiert. Weitere Architekturen, die a posteriori neu entworfen werden, sind etwa die sieben antiken Weltwunder. Grundlegend für die moderne Utopie war die 1516 publizierte Schrift Thomas Morus’, eine Fiktion, die über die Insel Utopia, deren Bewohner und deren regelmässig gestaltete Städte handelt. Dieses Buch begründet ein eigenes literarisches Genre. Ebenso drückt es eine Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Situation aus, der es eine imaginierte Gesellschaft – und deren Architektur – entgegenstellt, die mit allen Tugenden ausgestattet ist. Utopische Fiktionen beziehen bevorzugt Architektur mit ein, um ihre Glaubwürdigkeit zu erhöhen. In der Folge entwickeln Architekten utopische Projekte, die in einer näheren oder ferneren Zukunft realisiert werden können, aber auch unbaubare Konstruktionen und irreale Realitäten, die darauf abzielen, Reflexionen und Diskussionen über Architektur der Stadt, der Gesellschaft, der Welt sowie über den Nutzen utopischer Imagination auszulösen.

Bewerbungen

Die Ausschreibung wird online auf der Website des Internationalen Netzwerkwerks für Kunstgeschichte (www.proartibus.net), der Universität Genf (www.unige.ch/edp2017), dem INHA (www.inha.fr) sowie anderer Institutionen des Netzwerks erscheinen. Doktoranden und Postdoktoranden, die an der Akademie teilnehmen möchten, werden gebeten, einen Vorschlag (und nur einen) für einen Vortrag von maximal 15 Minuten Länge einzureichen und ihrer Bewerbung einen kurzen Lebenslauf beizufügen. Die Beiträge sollten nicht mehr als 1800 Zeichen bzw. 300 Wörter umfassen. Sie können in Englisch, Französisch, Deutsch oder Italienisch verfasst sein. Sie sollten in einem Worddokument eingereicht werden und den Namen des Bewerbers, die Adresse (elektronisch und postalisch), die Institution sowie das Herkunftsland des Bewerbers beinhalten. Der Vorschlag und der Lebenslauf müssen in einem Dokument einer Email beigefügt werden (Dateiname: Bewerbung_Vorname_Name_Kürzel der Institution, Beispiel: Bewerbung_Leon_Battista_Alberti_UNIFI). In der Betreffzeile der Email sollten sowohl der Name des Bewerbers als auch das Herkunftsland genannt werden. Senden Sie Ihre Bewerbung bis einschließlich Dienstag, den 31. Januar 2017 an folgende Adresse: edp2017@unige.ch.

Die Vorschläge werden von den einzelnen Ländern des Netzwerks ausgewählt. Der nationale Korrespondent wird die Liste der ausgewählten Beiträge via Email in der ersten Märzwoche 2013 zum Organisationskomitee schicken. Das Organisationskomitee wird, nach Rücksprache mit dem wissenschaftlichen Komitee des Netzwerks, das Programm der Frühjahresakademie erstellen. Die Bekanntgabe der Auswahl der Bewerber für die Frühjahrsakademie wird anfangs März 2017 erfolgen. Nota bene: Erfolgreiche Bewerber werden gebeten, in den zwei Wochen nach der Annahme des Beitrags einen Abstract von maximal 300 Wörtern sowie eine Übersetzung dieses Abstracts in einer der offiziellen Sprachen des Netzwerks bereitzustellen. Einen Monat vor Beginn der Akademie müssen die Vorträge mit der jeweiligen Powerpoint-Präsentation an die Organisatoren geschickt werden: edp2017@unige.ch.

Da die Teilnehmer ihren Vortrag in ihrer Muttersprache halten, ist die Kenntnis der anderen Sprachen unerlässlich. Teilnehmer aus den romanischen Sprachgebieten sollten Englisch oder Deutsch beherrschen, während englische und deutsche Teilnehmer Kenntnisse entweder des Französischen oder Italienischen vorzuweisen haben.

Die nachfolgenden Fragen sind dazu bestimmt, ein Gebiet oder eine Richtung für die Untersuchung vorzuschlagen; sie haben somit nur eine Hinweisfunktion. Es ist nicht notwendig, sich im Exposé darauf zu beziehen.

Imagination und Bild
Imagination und Repräsentation
Imagination und Magie

Imagination und Utopie
Vom Imaginären zur Realität / von der Realität zum Imaginären
Projekt und Projektion

Imagination, Perzeption, Rezeption
Die Imagination des Künstlers / Architekten
Die Imagination des Betrachters

Imagination und Text
Die Imagination der Kunst
Imagination und ästhetische Reflexion

Imagination in Architekturbüchern
Die Architektur der Imagination

Imaginationsbegriffe und ÷konzepte
Die Zeitlichkeit der Imagination

Bewerbungen zur Teilnahme als Diskutant

Kandidaten, die bereits an zwei oder mehr Frühjahrsakademien teilgenommen haben, werden gebeten, sich als Diskutanten zu bewerben. Dadurch werden Promovierende und Postdocs, deren Forschungen bereits weiter fortgeschritten sind, ermutigt, an der Frühjahrsakademie teilzunehmen, um dort die Diskussionen jeweils am Ende der Sektionen zu initiieren und zu moderieren. Diskutanten sollen eine kritische Einschätzung der gesamten Sektion liefern sowie Problemstellungen und Fragen aufwerfen, die bislang offen geblieben oder von den Sprechern noch nicht behandelt worden sind. Diskutanten können aber auch neue Fragen in die Debatte einbringen, um die Diskussion in Richtungen zu lenken, die ihre eigene Forschungsarbeiten ermöglicht haben.

Kandidaten, die sich als Diskutanten bewerben möchten, sollten sich nach demselben Verfahren wie die übrigen Teilnehmer bewerben (edp2017@unige.ch, vor dem 31. Januar 2017) und ihrer Bewerbung einen kurzen Lebenslauf beifügen. Anstelle eines Vorschlags für einen Vortrag werden sie gebeten, ein kurzes Motivationsschreiben beizufügen, in dem sie auch die fachliche Eignung darlegen. Dieses Schreiben soll 2000 Zeichen oder 300 Wörter nicht überschreiten und kann in Deutsch, Englisch, Französisch oder Italienisch abgefasst sein. Es soll in einem Worddokument eingereicht werden und den Namen des Bewerbers, die Adresse (elektronisch und postalisch), die Institution sowie das Herkunftsland des Bewerbers beinhalten. Der Vorschlag und der Lebenslauf müssen als ein einziges Dokument als Anhang einer Email beigefügt werden (Dateiname: Bewerbung_Vorname_Name_Kürzel der Institution, Beispiel: Bewerbung_ Louis_LeVau_ParisX). In der Betreffzeile der Email sollten sowohl der Name des Bewerbers als auch das Herkunftsland genannt werden.

Bewerbungen für Beiträge von Professoren

Die Professoren des Netzwerks können sich wie jedes Jahr mit Beiträgen bewerben, deren Themen für eine der Sektionen einen Rahmen bilden. Lehrende, die das Programm bereichern möchten, werden gebeten, die Organisatoren mit ihren Vorschlägen bis zum 31. Januar 2017 unter folgender Email-Adresse zu kontaktieren: edp2017@unige.ch.

Nationale Ansprechpartner

Für Kanada: Johanne Lamoureux (Paris, Institut national d’histoire de l’art); für Frankreich: Elitza Dulguerova (Paris, Institut national d’histoire de l’art), Béatrice Joyeux-Prunel (École normale supérieure de Paris), Christian Joschke et Ségolène Le Men (Université Paris Ouest Nanterre La Défense); für Deutschland: Thomas Kirchner (Paris, Deutsches Forum für Kunstgeschichte) et Michael F. Zimmermann (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt); für Italien: Marco Collareta (Università degli Studi di Pisa) et Maria Grazia Messina (Università degli Studi di Firenze); für die Schweiz: Jan Blanc (Université de Genève); für die U.S.A.: Henri Zerner (Harvard University); für Japan: Atsushi Miura (Université de Tokyo).

Organisationskomitee: Unité d’histoire de l’art, Université de Genève Marie Theres Stauffer und Coralie de Sousa (Université de Genève)

Organisation Réseau International de la Formation à la Recherche en Histoire de l’Art / The International Consortium of Art History / Internationales Netzwerk für Kunstgeschichte (http://www.proartibus.net)